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18.09.2021
Regionales

(Ein)Blick in unsere Geschichte – Erzählungen, eine turmlose Kirche und eine Ruine


Brennerei in Altwigshagen

Haben Sie schon einmal vom Feuermann in Altwigshagen gehört? Oder der Tanne, die die Unschuld einer Gehängten bezeugt? Nun, innerhalb der beinahe 800-jährigen Ortsgeschichte gibt es so manche schaurige Erzählung. Auf der Grenze zwischen zwei Grundstücken, so erzählte man sich, soll der Geist eines Schäfers gespukt haben, der versuchte, den von ihm zu Lebzeiten geleisteten Meineid zu berichtigen. Auch auf dem Galgenberg hatte sich der Sage nach Wunderliches zugetragen, als nach der Hinrichtung eines unschuldigen Mädchens dort ein von ihm prophezeiter Baum als Zeichen für ihre Unschuld erwuchs. Doch neben diesen Sagen gibt es im Ort auch Handfestes zu sehen und zu erleben.

Neben einer alten, ruinenhaften Gutsanlage gibt es auch Spaß und Erholung für Familien am Altwigshagener See. An der Badestelle ist eine sommerliche Abkühlung zwischen viel Grün möglich. Wenn es aber etwas trockener zugehen soll, kann es sich auch lohnen, der Kirche des Ortes einmal einen Blick zu schenken. Die verputzte Feldsteinkirche hat nämlich keinen Kirchturm. Ein Kirchturm, den wir an einer Kirche meist als selbstverständlich empfinden, hat theologisch eigentlich keine Bedeutung und wurde sogar von manchen Orden explizit verboten, da er der Bescheidenheit entgegenstand. In Altwigshagen befindet sich die 1888 gegossene Kirchenglocke also auf einem Holzgestell neben dem Kirchengebäude.

Verwoben mit der Ortsgeschichte ist der Familienname von Schwerin und das bereits seit hunderten Jahren. In einer Urkunde von 1295 wurde Heinrich von Schwerin als Genannter „Oldogeshagen“ geführt. Altwigshagen scheint jedoch älter zu sein. Erzählungen nach geht die Gründung des Ortes auf einen Ritter aus dem Geschlecht der von Schwerin zurück: Oldagus, der bereits 1223 gelebt haben soll, wird in dieser Erzählung als Namensgeber des Ortes benannt. Heute gibt es allerdings auch noch andere Ansätze. Es ist möglich, dass sich durch ein verschwundenes „h“ das womöglich angestrebte Alt-Höhenhagen (Oldhogeshagen), welches die Lage des Ortes beschrieben hätte, über viele verschiedene Schreibweisen schließlich zum heute bekannten Altwigshagen entwickelte.

Neben Familiennamen wie von Schwerin und von Lindstedt, welche das Gut eine Zeit lang anteilig besaßen, tritt schließlich auch seit 1677 der Name von Borcke als die das Gut besitzende Familie auf. Diese erwarben Altwigshagen wohl durch Tausch von jenen von Schwerin. Das Geschlecht von Borcke ist ein altes pommersches Adelsgeschlecht (für Erfahrene in puncto Hexenprozesse wäre wohl Sidonia von Borcke ein bekannter Name), dessen Linien teils heute noch existieren und das früher durchaus bedeutende Ämter im Land bekleidete. Von ihrer Anwesenheit im Ort künden auch die Epitaphien in der Altwigshagener Kirche aus dem 17. und 18. Jahrhundert.

Das mittlerweile verfallene Gutshaus von Altwigshagen, welches auf dem Schlossberg gelegen ist, wurde im 19. Jahrhundert durch die Familie von Borcke zu einem Sitz im Neu-Tudorstil umgebaut. Während der 1932 eingesetzte Verwalter Karl-Heinz Graentz den wirtschaftlichen Verfall des Gutes zunächst aufhalten konnte, verlor das Gut seit der Mitte des Jahrhunderts jedoch die einstige herrschaftliche Ausstrahlung. Im 20. Jahrhundert diente das Gutshaus als Zuflucht für Flüchtlinge und Vertriebene des Zweiten Weltkrieges und beispielsweise als Kindergarten zu DDR-Zeiten. Die nach dem Verkauf ausgebliebenen Sanierungsarbeiten lassen nun jedoch die einstige Imposanz des hochgelegenen Anwesens durch die dicht gewachsenen Bäume allenfalls erahnen. Während Wirtschaftshäuser des Gutes heute teils bewohnt und hergerichtet sind, zählt auch die alte Brennerei wohl eher zu den Opfern der Zeit. Dennoch lässt es sich durch den Ort und den Park streifen, wenn man sich nicht der Illusion hingibt, in eine märchenhafte Kulisse einzutauchen, sondern eher auf bewachsenen Wegen den Zahn der Zeit erfühlen möchte.

Teresa Mirasch

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